Fastenhirtenbrief des Bischofs

Fehlermeldung

  • Notice: Undefined index: textsize in textsize_decrease() (line 129 of /web/htdocs/www.pfarrei-schlanders.it/home/sites/all/modules/textsize/includes/textsize.block.inc).
  • Der Schriftgrad wurde nicht gespeichert, weil Ihr Browser keine Cookies akzeptiert.

Fastenhirtenbrief 2024: Warum bleibe ich?

In den vergangenen Monaten wurde ich oft auf diese Einschätzung und
Vision angesprochen: erstaunt, nachdenklich, überrascht, kritisch, mit
Zustimmung. Mit diesem Fastenhirtenbrief lade ich alle ein, sich mit dieser
realistisch – hoffnungsvollen Vision auseinander zu setzen und sie mit der
eigenen Lebens- und Glaubenserfahrung zu konfrontieren. Gerade die
Fastenzeit will uns helfen und dazu ermutigen, einfacher, bewusster,
bescheidener zu leben und dabei zu entdecken, dass dies auch einen
Mehrwert bringt. Die Fasten- und Osterzeit (Aschermittwoch bis Pfingsten)
ist jener Abschnitt des Kirchenjahrs, der uns in besonderer Weise zum
Grund unserer Hoffnung hinführen will, den der Apostel Paulus so auf den
Punkt bringt: „Ist aber Christus nicht auferweckt worden, dann ist unsere
Verkündigung leer und euer Glaube sinnlos“ (1 Kor 15,14). Diese Hoffnung
lässt uns als österliche Menschen leben – auch heute und unter den
heutigen Bedingungen.

Ja, wir werden weniger, bescheidener und machtloser

Es ist meine Überzeugung: Wir werden als Kirche in Südtirol viel kleiner
werden, und wir werden in vielen Bereichen von vorne anfangen müssen.
Viele Kirchengebäude sind für die heutigen Verhältnisse zu groß und wir
können sie nicht mehr füllen. Viele Strukturen, die wir haben, werden nicht
mehr tragen. Auch unsere 281 Pfarreien werden sich nicht alle halten
lassen. Es wird Veränderungen geben in der Zusammensetzung und
Gestaltung des Bischöflichen Ordinariates. Wir werden auch geschichtliche
Privilegien verlieren. Wie wird es weitergehen mit dem Sonntag und mit
unseren christlichen Feiertagen? Nur als „freie Tage“, bestimmt vor allem
für den Konsum und die Unterhaltung, werden sie nicht überleben. Nicht
nur Priester und Ordensleute werden viel weniger sein. Der Mangel an
Gläubigen ist schon jetzt größer als der Mangel an Priestern und
Ordensleuten und wird sich stark auswirken. Noch stärker als jetzt werden
unsere christlichen Gemeinden und Gemeinschaften auf Freiwillige und
Ehrenamtliche bauen. Vielleicht wird es auch ehrenamtliche Priester geben,
die viel weniger abgesichert sind als heute. Noch viel mehr als jetzt werden
Menschen persönlich entscheiden müssen, was ihnen der Glaube bedeutet
und warum sie in der Gemeinschaft der Kirche bleiben.
Ich bin seit fast 13 Jahren Bischof unserer Diözese. Viel, sehr viel hat sich
in diesen Jahren verändert. Das Gesicht unserer Diözese ist dabei, ein
anderes zu werden. Vor allem die innere Beziehung vieler Menschen zum
Glauben und zur Kirche ist einem großen Wandel unterzogen. Groß ist der
Wandel in den Lebensformen, aber auch in den Feierformen. Es gibt immer
mehr „freie Trauungen“ und „freie Begräbnisse“. Wir werden uns von
manchem verabschieden müssen, was uns vertraut, wertvoll und vielleicht
auch zu selbstverständlich war. Wir müssen nicht nur theoretisch, sondern
ganz konkret zur Kenntnis nehmen, dass viele Menschen, auch getaufte,
sich schon lange von der Kirche innerlich verabschiedet haben. Auch wenn
es viele nicht gerne hören: Es gibt nicht nur eine Kirchenkrise, sondern eine
Gotteskrise! Die Frage nach Gott, nach dem Gott Jesu Christi, und damit
die wichtigste Frage, die die Kirche in dieser Welt zu stellen hat, steht heute
auf dem Spiel.

Kirche hat Zukunft

Es ist wichtig, diese Situation anzuerkennen und anzunehmen, denn das
sind die Bedingungen, die heute da sind. Es ist keine ideale Situation und
auch kein Wunschbild: „klein, aber fein“ ist kein Idealbild von Kirche! Aber
es ist die Welt, die wir heute vorfinden und in die wir gesandt sind. Dies
anzunehmen, ist die Voraussetzung für jeden anderen Schritt.
Dabei wird die Kirche bestimmt nicht verschwinden: weder bei uns noch in
Europa und schon gar nicht weltweit. Was die Kirche ausmacht, sind
missionarische, gläubige Menschen, die jenseits von Traditionalismus und
Progressivität entdecken: Uns ist Jesus Christus und sein Evangelium
geschenkt und anvertraut – für diese Welt und über diese Welt hinaus.
Kirche hat Zukunft, weil es Menschen gibt, die gerne, mit Freude und mit
Überzeugung, Christen und Christinnen sind. Kirche hat Zukunft, wo es
christliche Hoffnung gibt und die Fähigkeit, vom Glauben her in Dialog zu
treten mit Gesellschaft und Kultur. Kirche hat Zukunft, wo Menschen den
Sonntag und das Kirchenjahr feiern, wo Menschen einander in den freudigen
und traurigen Momenten des Lebens begleiten und wo wir einen Sinn und
eine Hoffnung jenseits des nur materiellen, irdischen Lebens bezeugen.
Träumen wir vielleicht immer noch von einer starken, einflussreichen Kirche
nach unseren Plänen und Konzepten, mit abgesicherten, unveränderlichen
Strukturen, mit der innerweltlichen Hoffnung, anzukommen und keinen
Widerstand zu haben?
Die ersten christlichen Gemeinden, von denen uns das Neue Testament
erzählt, waren nicht groß und strukturell abgesichert. Sie waren klein, eine
Minderheit, gesellschaftlich am Rande und nicht selten sogar verfolgt. Aber
sie waren groß in ihrer christlichen Hoffnung und mit einem deutlichen
missionarischen Auftrag. Kirche heute, das ist meine Überzeugung, wird
nicht überleben, wenn sie jedem Konflikt ausweicht. Eine Kirche, die in
unserer komplexen, pluralistischen Gesellschaft keinen Widerspruch
auslöst, eine Kirche, die nur gelobt werden möchte, weil sie das nachsagt,
was alle sagen und die im Strom der Meinungen mitschwimmt, muss sich
fragen, ob sie wirklich in der Spur des Evangeliums ist, in der Spur des
gekreuzigten Auferstandenen. Ein nordafrikanischer Bischof, der im Kontext
der christlichen Minderheit lebt und wirkt, sagte vor kurzem zu mir: „Wir
sind eine zahlenmäßig sehr kleine Kirche, aber keineswegs unbedeutend.
Wir versuchen, Salz und Licht zu sein für die Gesellschaft, in der wir als
Minderheit leben. Und ich beneide die Kirchen in Europa nicht.“

Die Faszination des christlichen Glaubens

Das ist die österliche Hoffnung, die mich trägt und für die ich mich einsetze:
Jesus Christus und der Glaube an ihn ist ein Geschenk für die Menschen –
zu jeder Zeit neu! Dieser Glaube schenkt Hoffnung und Orientierung – im
Leben und im Sterben. Dieser Glaube lebt in Menschen, die entdeckt haben,
was uns alles geschenkt ist in Jesus, dem Gekreuzigten und
Auferstandenen, und durch seine Gegenwart in der Gemeinschaft der
Glaubenden. Darum leben Christen und Christinnen nicht für sich selbst. Sie
setzen sich ein für die Gesellschaft, in der sie leben. Sie setzen sich für
andere ein, können sich selbst zurücknehmen, sie leben genügsam und
gehen verantwortlich mit Mensch und Umwelt um. Sie verstehen sich als
Missionare und Missionarinnen am eigenen Platz. Sie sind bereit, Zeugen
und Zeuginnen jener Hoffnung zu sein, die sie erfüllt (vgl. 1 Petr 3,15).
Paulus, der überragende Zeuge des christlichen Anfangs, sagt uns: Wir sind
„zerbrechliche Gefäße“, als einzelne und auch als Gemeinschaft (vgl. 2 Kor
4,7). Das gilt für den Anfang der Kirche und auch heute. Aber bei aller
Zerbrechlichkeit Träger eines Schatzes, d e s Schatzes: Jesus Christus. Um
ihn geht es! Er, den wir in jeder Eucharistiefeier und besonders an Ostern
verkünden als den Zerbrochenen, als den für uns Gescheiterten und
Hingegebenen und der nur als der Gekreuzigte der Auferstandene ist! Die
Nachfolge Jesu garantiert uns nicht ein schmerzfreies, bequemes und
angepasstes Leben. Es gibt keine Erneuerung der Kirche am Kreuz vorbei.
In diesem Jahr 2024 sind es 60 Jahre seit der Errichtung unserer Diözese
Bozen – Brixen, ein neues Kapitel auf dem Hintergrund einer langen,
bewegten Geschichte. Ich erinnere an Bischof Joseph Gargitter, der bei der
Predigt zum Abschluss der Diözesansynode 1970 – 1973 sagte: „Es geht
um SEINE Kirche, nicht um eine Kirche nach unseren Maßstäben. Nur vom
Kreuz her gibt es Fruchtbarkeit und Leben. Alle Reformen ohne neue
Geistigkeit führen nur zu neuen leeren Formen.“

Den Glauben zeigen und leben

Es wird immer wichtiger werden, dass wir zu unserer christlichen
Überzeugung stehen: nicht ideologisch, nicht rückwärtsgewandt und auch
nicht mit dem Anspruch, Applaus zu bekommen. „Auf dein Wort hin: mit
Freude und Hoffnung“, bleibt der gültige Auftrag unserer Diözesansynode
von 2013 – 2015. Die Zeit einer „volkskirchlichen Gesellschaft“ ist endgültig
vorbei. Jetzt ist die Zeit, über unsere Freude und unsere Hoffnung zu reden
und unseren Glauben konkret in der Öffentlichkeit zu zeigen.
Ganz besonders unterstreichen will ich die soziale Dimension des
christlichen Bekenntnisses, ohne die sich der Glaube nicht christlich nennen
darf: der Einsatz für den Schutz des menschlichen Lebens von der
Empfängnis bis zum Tod, die Nachbarschaftshilfe, das Ehrenamt, die
Bereitschaft, soziale, karitative Projekte mitzutragen und zu unterstützen,
das persönliche und strukturelle Teilen mit jenen, die auf Hilfe angewiesen
sind, die Fähigkeit zum Verzicht in unserem Konsumverhalten und in
unserer Einstellung zur Schöpfung. Christen und Christinnen wird man
immer auch erkennen müssen als Menschen, die „keine Gewalt anwenden“
und „die Frieden stiften“ (vgl. Mt 5,5.9), inmitten einer verwundeten,
polarisierten Welt.

Warum bleibe ich?

Es gibt viele, die den Kopf schütteln und sagen: Wie kann man heute noch
bleiben, bei Jesus und bei dieser Kirche? Was bringt das? Diese Reaktion
kennt schon das Neue Testament: „Daraufhin zogen sich viele seiner Jünger
zurück und wanderten nicht mehr mit ihm umher“ (Joh 6,66), heißt es im
Johannesevangelium. Jesus versucht nicht, sie mit allen Tricks zu halten. Er
appelliert an die Freiheit und Verantwortung der Menschen. Er fragt sogar
den engsten Kreis um ihn: „Wollt auch ihr weggehen?“ (Joh 6,67). Darauf
wagt Petrus das Bekenntnis: „Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte
des ewigen Lebens. Wir sind zum Glauben gekommen und haben erkannt:
Du bist der Heilige Gottes.“ (Joh 6,68-69).
Es wird immer Menschen geben, die aus dieser Überzeugung heraus ihr
Leben gestalten – auch heute und ganz gewiss auch morgen: Jesus Christus
ist unser Schatz! Er ist konkurrenzlos. Ihn suchen und brauchen wir. Ihn
verkündigen und feiern wir. Was können wir Besseres tun, als ihn in unseren
zerbrechlichen Gefäßen zu den Menschen zu bringen?

Verbunden in IHM und untereinander wünsche ich allen einen entschiedenen
und hoffnungsvollen Weg hin zum ältesten, größten und wichtigsten Fest
unseres Glaubens: zur Feier des Leidens, des Sterbens, der Grabesruhe und
der Auferstehung unseres Herrn.
Euer Bischof

+ Ivo Muser, Aschermittwoch, 14. Februar 2024